Ich werde oft gefragt: "Und was ist deine Geschichte?"

"Eigentlich ein ganz normales Leben..."

Vor 2010 hatte ich eigentlich ein relativ normales Leben. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich fünf war, meine Mutter war dann alleinerziehend mit zwei Kindern, Geld war ganz, ganz problematisch. Ich habe viel Klamotten von anderen getragen, und irgendwo hinzufliegen in den Urlaub, das war für mich immer außerhalb meiner Range. In der Schule war ich eher etwas auffällig – ich glaube, ich habe einfach schon sehr früh nicht gut in feste Konstrukte und Regeln gepasst. Ich hatte immer meinen eigenen Kopf, und das hat auch mal für Reibung gesorgt.

Was mich aber schon als Kind angetrieben hat, war dieses Bild: Ich stehe irgendwo mit einem Eis in der Hand auf der Prager Straße in Dresden, wo ich aufgewachsen bin, sehe einen anderen Jungen, der irgendein Problem hat, und will ihm direkt helfen. Dieses Bild kommt immer hoch, wenn ich mich frage, wann das eigentlich angefangen hat. Ich wollte für andere einstehen, andere befähigen, Dinge zu können, die sie gerade noch nicht konnten. Deshalb war mein erster Berufswunsch auch Polizist, ganz früh schon. Nach dem Abitur, das ich bestanden habe, aber von dem ich schon damals wusste, dass es nie lebensentscheidend für mich sein würde, war relativ klar: Ich gehe zur Polizei. Genau aus diesem Grund – weil ich dachte, da kann ich direkt am Menschen sein, helfen, Gutes tun.

Der 27. September 2010

Am 1. September 2010 war meine Immatrikulation, ich bin von Dresden nach Aschersleben gezogen. Und nur einen Monat später, im Unterricht, um neun Uhr morgens, das weiß ich noch ganz genau, überkam mich auf einen Schlag, völlig ohne Vorwarnung, aus der Körpermitte heraus so eine schwarze, eisige Kälte. Ich saß da, und alles wurde komplett gelähmt. Ich hatte in dem Moment das Gefühl, alles um mich herum will mich umbringen – nicht direkt Panik, eher dieses: Wow, du bist absolut hilflos. Meine Identität war in Sekunden aufgelöst, gelöscht.

Ich habe versucht, mich über schöne Erinnerungen wieder ein bisschen zurückzuholen, aber es ging nicht. Ich konnte keinen emotionalen Bezug mehr zu meinen Erinnerungen herstellen. Ich wusste, was ich erlebt hatte, wer ich war – aber gefühlt hab ich davon nichts. Es war, als würde das Leben, das ich da kannte, eigentlich jemand anderem gehören.

Im Nachhinein betrachtet war das das größte Geschenk überhaupt. Weil davor war ich, glaube ich, ein mehr oder weniger fremdbestimmter Mensch – auf Grundlage von: Wie wurde ich erzogen, wie bin ich aufgewachsen, welche Systeme und Prozesse waren um mich herum. Das alles war auf einmal weg. Ich hatte die Gelegenheit, mich komplett neu zu bauen, so wie ich das eigentlich wollte. Aber das war natürlich nicht der erste Gedanke damals. Damals war für mich die einzige Option: Du musst das durchziehen. Aufgeben war keine Option. Also habe ich das Studium trotzdem durchgezogen.

Zwei Jahre Überleben

Die nächsten zwei, drei Jahre waren wirklich nur: überleben, funktionieren. Freude, Glück, diese ganzen Emotionen waren komplett weg. Was gut ging, war Angst, Verzweiflung, Wut. Ich hab gelitten wie ein Hund, nachmittags im Bett gelegen und nur geheult, nachts vielleicht ein, zwei Stunden geschlafen. Ich bin zum Psychotherapeuten gegangen, habe mir ein Rezept geben lassen, bin damit in die Praxis, und die haben gesagt: falsches Rezept, Sie sind hier beim Psychiater, holen Sie sich ein neues. Am Ende konnten sie mir nicht helfen, die haben mich alle irgendwann weggeschickt. Der letzte hat gesagt: "Herr Mauermann" – so hieß ich damals noch – "ich kann Ihnen nicht helfen. Alles, was ich Ihnen geben kann, haben Sie sich schon selbst angeeignet." Dann noch zum Tiefenpsychologen, auch nichts. Für mich war das: I'm done. Dann mach ich das eben alleine. Es war wirklich kacke, ehrlich gesagt. Zwischendurch war ich auch ein bisschen arrogant, könnte man vielleicht sagen – ich hatte davor das Gefühl, mit beiden Beinen mitten im Leben zu stehen. Und als das dann passiert ist, war das alles weg. Ich hab quasi die Chance bekommen, mit 21, 22 neu anzufangen.

Ägypten und der erste Tauchgang

Im April 2012 hat meine damalige Freundin gesagt: Komm, wir fahren nach Ägypten, ich zeig dir mal meine Welt. Sie hatte mir zu Weihnachten davor so ein Schnorchelset geschenkt. Wir haben eine Schnorchelsafari im Naturschutzgebiet Ras Mohammed gebucht, und da war ein Guide dabei, selbst Freitaucher, der immer mal auf sieben, acht Meter runtergetaucht ist. Das hat mich sofort fasziniert – als Kind bin ich schon immer durchs Schwimmbad getaucht, Luft angehalten, aber auf die Idee, dass man das wirklich in die Tiefe bringen kann, war ich nie gekommen.

Ich hab's versucht und bin kläglich gescheitert. Körperlich war ich zu der Zeit auch nicht besonders gut aufgestellt – klassisches Frühstück bei der Polizei war weißes Brötchen, Bockwurst, Rührei mit Ketchup, Kaffee mit viel Milch und Zucker. Ich bin dann zu dem Guide hin und hab gefragt, wie er das macht. Er hat's mir grob erklärt, nicht ganz richtig, aber genug – ich wusste jetzt, dass es geht. Und dann hab ich's gemacht. Und das hat mich gepackt. Zum ersten Mal seit dieser ganzen schlechten Zeit konnte ich wieder etwas fühlen. Ich hatte mir vorher angewöhnt, Emotionen zu spielen, weil ich wusste, wie ich mich verhalten musste – aber gefühlt hab ich nichts. Und dort, beim Tauchen, kriege ich heute noch Gänsehaut, wenn ich dran denke: Ich konnte wieder fühlen. Freude, Begeisterung. Essenziell trifft es vielleicht am besten.

Der Wendepunkt

Den restlichen Urlaub hab ich nur noch vor unserem Hausriff getaucht. Zurück zu Hause, nach der Fachhochschule, hab ich mich nachmittags ins Bett gelegt und einfach die Luft angehalten, geatmet, wieder Luft angehalten, stundenlang. Aus heutiger Sicht ist total klar, warum mir das geholfen hat: tägliches Deep Breathwork, Vagusnervaktivierung, das System runtergefahren, Emotionen reguliert. Innerhalb von sechs Wochen waren meine Symptome fast komplett weg. Das war der Wendepunkt.

Eine Depression, da sind wir mittlerweile so weit, ist eigentlich keine Krankheit, sondern ein Symptom von anderen Dysbalancen im Körper. Und ich glaube, genau das ist bei mir damals passiert: kontrollierte physiologische Nervensystemregulierung über den Vagusnerv, über das Zwerchfell. Und dazu ein Stück Selbstverbindung – weil selbst wenn du im Bett die Luft anhältst, sendet dir dein Körper irgendwann Signale. Wenn du in so einem reinen Funktionieren-Modus bist, wie ich es damals war, dann sind Kopf und Herz entkoppelt, weil Funktionieren ohne Emotionen einfach leichter ist. Und genau da bekommst du wieder ein Stück Rückverbindung, wenn du innehältst, atmest, in dich reinhorchst.

Zwölf Jahre später immer noch Feuer

Ich tauche seit über zwölf Jahren und habe seit 2018 unterrichtet. Ich vergleiche Freitauchen manchmal mit der gesündesten Droge, die es gibt – ohne dass der Vorrat je zur Neige geht und ohne dass die Wirkung nachlässt. Ich glaube, beim Freitauchen sieht man mit der Zeit das, was viele in der Kampfkunst sehen: diese Mastery, die man nie ganz erreicht, aber je länger man dranbleibt, desto tiefer steigt man ein. Jedes Mal, wenn ich aus dem Wasser komme, bin ich in diesem Zustand von absoluter Erfüllung. Das ist mein Ort, an dem ich mir wirklich Ruhe nehme, nur mit mir selbst. Ich hab eine Frau und eine Tochter, die ich liebe – und trotzdem ist meine absolute Me-Time unter Wasser. anderes Bild - entspannt nach Tauchen

Der Wechsel von der Polizei

Ich habe meine Frau 2016 kennengelernt und ein Jahr später war sie schwanger mit unserer Tochter. Da wusste ich: Polizei, das ist nichts, das geht auch nicht so weiter. Ich hatte schon ab 2014 parallel Kommunikationstrainings in Unternehmen gehalten, im öffentlichen Dienst, in der Energiebranche, überall Mögliche, und wusste, die freie Wirtschaft und die Arbeit am Menschen, das reizt mich – aber Polizei ist nicht mein Weg. Ehrlich gesagt lag das nicht nur an der Polizei selbst, sondern auch an dem inneren Konflikt, den ich die ganze Zeit hatte: Ich wollte das durchziehen, es gab für mich keinen Plan B, aber ich hab mich die ganze Zeit gefühlt wie ein Alien, wie der Aussätzige, der nirgends so richtig Anklang gefunden hat. Ich hatte immer schon ein Problem mit Hierarchien. Und bei Einsätzen mit Todesfällen, mit viel Gewalt, mit Hetze, hab ich einfach gemerkt: Das packe ich nicht, so gern ich das wollte, ich kann mich davon nicht so weit emotional distanzieren, dass es mich nicht mitnimmt.

In diesen Jahren zwischen 2010 und 2021 ist aber auch ziemlich viel zusammengekommen, was aus jetziger Betrachtung schon aufregend und speziell war. Neben dem eigentlichen Polizeidienst als Polizeikommissar hab ich angefangen Kommunikations- und Deeskalationstrainings zu gegeben, unter anderem bei der Deutschen Bahn, Abellio, Stadtwerken und einer Stadtverwaltung. Ich hab Personenschutz für hochrangige Persönlichkeiten gemacht, mich als Nahkampftrainer ausbilden lassen und Selbstverteidigung nach WinTsun unterrichtet.

Und parallel dazu hat sich übers Freitauchen noch eine ganz eigene Schiene entwickelt. Ich hab die Sicherheitsleitung bei Expeditionen, Medienproduktionen und Extremerfahrungen übernommen. Darunter waren Freitauch-Expeditionen

mit Blauhaien im offenen Ozean

TV-Produktionen unter Wasser für "Duell um die Welt" bei ProSieben, mit Vanessa Mai,

mit Johannes Strate von Revolverheld,

Dazu kam noch ein deutscher Freediving-Rekord und ein Weltrekord-Versuch im Freediving unter Eis.

und in Höhlensystemen,

mit Lucy Diakovska von den NoAngels,

und beim ZDF mit Yvonne Catterfeld, wo ich als Stuntdouble dabei war.

Aus all diesen Erfahrungen ist später auch ein Vortrag entstanden,

den ich bis heute halte: "The Moment of Shit" – wie man auch über Wasser, im ganz normalen Alltag, in Ausnahmesituationen einen kühlen Kopf bewahrt. Denn was unter Wasser oder unter Eis funktioniert, funktioniert im Grunde genauso, wenn im Job oder im Leben plötzlich alles gleichzeitig brennt.Wenn ich das heute aufzähle, klingt es fast wie ein anderes Leben – aber es war einfach die logische Fortsetzung von dem, was mich schon immer interessiert hat: Menschen in echten Drucksituationen begleiten und dafür sorgen, dass alle sicher wieder rauskommen. hab ich mich als Freediving Instructor ausbilden lassen, ein Jahr Elterngeld als Absicherung genutzt, und ab 2019 Freediving-Kurse gegeben. Und dann kam sofort Corona im zweiten Geschäftsjahr, was für Kurse, wo man in Gruppen viel atmet, natürlich nicht ideal war. Trotzdem weitergemacht.

Wie aus Tauchen Coaching wurde

Bei meinen Kursen hab ich dann etwas beobachtet, das mich richtig gepackt hat: Sehr, sehr viele meiner Teilnehmer haben ähnliche Verwandlungen durchgemacht wie ich damals im Urlaub in Ägypten. Freitauchen zwingt dich zur Selbstreflexion, weil du dir selbst und deinem Körper zuhören musst – wenn du mit dem Kopf unter Wasser bist und dein Körper dir signalisiert, du solltest langsam wieder atmen, und du weißt, du kannst noch nicht, dann blendest du alles andere aus. Keine E-Mails, keine Anrufe, kein Mitarbeiter, der was von dir will. Dann bist du nur noch mit dir. Du hast wenig Möglichkeiten, deinem Inneren auszuweichen, weil du mit Urängsten konfrontiert wirst. Und das war meistens ein guter Hebel, um Sachen freizulegen, die sonst im Verborgenen liegen.

Das fand ich hochinteressant, weil mich das Thema persönliche Weiterentwicklung sowieso schon länger umtrieb – Psychologie, Selbstwahrnehmung, Emotionen, mentales Training, das hat mich seit meiner eigenen Geschichte nie mehr losgelassen. Am Anfang stand für mich gar nicht so sehr das Tauchen lehren im Vordergrund, sondern eher, Menschen zu diesem Erlebnis unter Wasser zu führen und dann mit ihnen weiterzugehen. Ich wollte dieses Gefühl, das mich damals aus einer richtig schweren Zeit rausgeholt hat, bei anderen Menschen bewusst und begleitet erzeugen. Das war aber ziemlich ungerichtet, weil mir die Struktur und die Wege gefehlt haben, das Ganze auch wirklich zu integrieren. Also hab ich mir Coaching-Ausbildungen gesucht. Die erste war ein Jahr lang, aber leider nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Eine zweite war genau das, was meiner Arbeit bislang gefehlt hat. Und dahin bin ich auch gekommen, weil ich mir selbst einen Coach gesucht habe – ich lass mich bis heute regelmäßig coachen, weil ich das einfach gut finde.

Und dann hab ich angefangen, das Tauchen mit dem Coaching zusammenzubringen. Nicht einfach nur, dass ich mit meinen Klienten tauchen war und ihnen das Freitauchen beigebracht habe – sondern ich hab das Tauchen wirklich als Werkzeug in meinen Coachingprozess eingebaut, als Hebel für einen tiefen Reset im Nervensystem, wenn der Stress so überhandnimmt, dass es eine schnelle, radikale Lösung braucht, bevor am Ende Blutdrucktabletten draus werden. Über Jahre hab ich das immer weiter verfeinert, bis ich das Gefühl hatte, wirklich verstanden zu haben, wie das ineinandergreift. Bild mit beim tauchen mit Klient

Meine Erkenntnis

Mittlerweile hab ich aber die Entscheidung getroffen, meinen Klienten das Tauchen gar nicht mehr anzubieten. Ich mache nur noch das reine Coaching. Der Grund dafür ist ziemlich ehrlich: Dadurch, dass ich fast nur noch mit anderen im Wasser war, hatte ich das Tauchen selbst irgendwann kaum noch für mich. Und ich hab ja erzählt, was für ein riesengroßes, wichtiges, veränderndes Element das für mich persönlich ist – das ist der Ort, an dem ich wieder zu mir finde. Den wollte ich mir nicht länger nehmen lassen, nur weil er beruflich so gut funktioniert hat. Deshalb tauche ich heute nur noch für mich, ganz ohne beruflichen Auftrag. Ich sag immer: Ich bin aus Versehen Coach geworden. Aber ich war es wahrscheinlich immer schon irgendwie.

Was Coaching für mich eigentlich ist

Es gibt für mich einen riesigen Unterschied zwischen dem, was heute überall als Coaching verkauft wird, und dem, was Coaching wirklich ist. Ich finde es sogar richtig gut, dass Coaching noch so einen schlechten Ruf hat, weil die Mehrheit der Coaches genau das ist: Leute, die keine Ahnung haben, ein paar Bücher gelesen und dann gedacht haben, jetzt mache ich High-Performance-Coaching für Unternehmer. Seit Corona ist das Online-Geschäft explodiert, ein paar Marketing-Genies haben Coaching entdeckt und gedacht: Hier kann ich richtig Geld machen. Denen fehlt vor allem in vorderster Front die Ethik und die innere Ausrichtung.

Ich hab das als Handwerk gelernt, mehrere Ausbildungen gemacht, geübt und trainiert, bevor ich überhaupt mit Kunden gearbeitet habe – und ich arbeite seit 2014/2015 direkt mit Menschen. Coaching, wie es ursprünglich gedacht war, ist Hilfe zur Selbsthilfe. Ich zeige dir nur, was ich sehe, du darfst darüber reflektieren und selbst damit arbeiten. Ich arbeite mit dem, was mir der Klient gibt. Das ist ein Handwerk – mit dem Hammer schlägst du einen Nagel in die Wand, aber du bringst damit keine Spüle an. Ich zeige Türen, stelle Fragen, leite durch – aber die eigentliche Veränderungsarbeit findet im Klienten statt. Ich gehe nur fünfzig Prozent des Weges. Witzigerweise ist das genau der Grund, warum ich damals zur Polizei gegangen bin: weil ich andere befähigen wollte, sich selbst zu helfen.

Warum ich niemanden an mich binden will

Meine Aufgabe ist am besten erfüllt, wenn ich meine Klienten so schnell wie möglich wieder loswerde. Das klingt hart, aber ich hab keinen Bock, dass irgendwer von mir abhängig ist. Ich hab auch keinen Bock, ein Guru zu werden. Ich hab was gelernt, was richtig krass funktioniert, und ich bin gut darin – aber meine Aufgabe ist nicht, Leute an mich zu binden, sondern sie so aufzustellen, dass sie mit dem, was passiert, besser zurechtkommen, auch ohne mich. Ich vergleiche das gern mit einem Fahrtrainer auf der Rennstrecke: Der sitzt zwei Tage neben dir, zeigt dir, wie du die Kurven besser nimmst – aber danach musst du ihn nicht mehr neben dir sitzen haben. Deshalb formuliere ich auch bewusst so, dass klar wird: Es hat nur mit dir selbst zu tun, du machst das, deshalb kannst du es auch verändern.

Wie ich heute über das Leben denke

Mein Motto, das ich schon seit Ewigkeiten lebe: Who says life isn't easy? Wer zur Hölle entscheidet eigentlich, dass das Leben hart sein muss? Klar gibt es Krisen, klar gibt es Verluste, die wehtun, dazu gehört Trauer – aber das generelle Leben darf leicht sein. Man kann die Geschichten, die man sich selbst über sein Leben erzählt, verändern, und die werden dann auch die eigene Realität. Bild wo er lässig im Stuhl sitzt

Was mir dabei wichtig ist: Emotionen wie Angst, Wut oder Trauer haben oft diesen negativen Stempel, gerade da, wo ich herkomme, DDR-geprägt, wo man früher nicht weinen durfte, Wut nicht in Ordnung war. Das ist aus meiner Sicht kompletter Unsinn. Emotionen sind einfach Emotionen. Freude ist genauso gut wie Wut, Trauer genauso wichtig wie Entspannung. Wenn du einen Teil deiner Emotionen unterdrückst, unterdrückst du gleichzeitig alle anderen mit. Und Wut ist eigentlich eine der wichtigsten Emotionen überhaupt, weil sie uns hilft, unsere Bedürfnisse zu schützen. Es geht mir nicht darum, alles ungefiltert rauszulassen, sondern zu regulieren statt wegzudrücken. Ich genieße es sogar, zu weinen – es tut gut, alles zuzulassen und sich selbst dafür wertzuschätzen, dass man diese Emotionen überhaupt fühlen darf.

Meine ganz persönliche, größenwahnsinnige Vision: möglichst vielen Menschen auf der Welt zu ermöglichen, sich selbst zu erkennen, aufzuwachen und sich von dem Ballast aus der Vergangenheit frei zu machen. Die Menschheit emotional ein Stück befreien, dass jeder mit sich im Reinen ist. Runtergebrochen heißt das für mich ganz konkret: aus dem Eins-zu-eins-Coaching, das ich jetzt sehr erfolgreich mache, langfristig etwas bauen, das nicht nur denen hilft, die es sich leisten können – vielleicht ein Buch, auf jeden Fall irgendwann einen Videokurs aus dem, was ich in den letzten Jahren gelernt habe, damit es für mehr Menschen zugänglich wird. Und ich will dabei nicht selbst im Mittelpunkt stehen, kein Coaching-Guru-Kram – meine Seele soll da drin sein, aber es muss nicht mein Name draufstehen.

Familie

Meine Frau steigt gerade organisatorisch mehr bei mir ein, weil ich der Kreative bin, der an Menschen dran ist, aber Struktur und Konzeption nicht so meins sind. Ich lass mich selbst regelmäßig coachen und kenne meine eigenen Baustellen. Als Vater ist mir wichtig, dass meine Tochter nie das Gefühl bekommt, falsch zu sein – egal was sie macht, sie lernt, wächst, experimentiert, und das ist okay, außer es schadet ihr wirklich. Was mir dabei noch wichtiger geworden ist: Die Erziehung als Vater ist bei Weitem nicht so relevant wie die Beziehung, die man zum anderen Elternteil vorlebt. Die gesunde, respektvolle Beziehung zu meiner Frau, wie wir kommunizieren, auch wenn wir mal unterschiedlicher Ansicht sind, das gibt meiner Tochter mehr mit als jede einzelne Erziehungsentscheidung.

Selbstständig zu werden war für mich eine riesige Persönlichkeitsentwicklung. Vater zu werden war noch mal eine. Beides zusammen war so etwas wie ein doppelter Boost.

Wo ich heute stehe

Ich lebe mittlerweile in Thüringen, bin Gitarrist in einer Rockband, mach gerne Sport, verbringe viel Zeit mit meiner Tochter, tauche zehn Minuten von meiner Haustür entfernt in meinen Lieblings-See. Ich führe ein relativ solides Leben, bin happy mit mir, und wenn ich das machen kann, was ich gerne mache, reicht mir das im Großen und Ganzen schon.

Ich bin gerade an einem spannenden Punkt: Ich hab privat inzwischen fast alles, was ich mir wünsche – die Frau, die ich mir immer gewünscht habe, meine wunderbare Tochter, genug Zeit für die Dinge, die mir wichtig sind. Und ich warte gerade auf mein nächstes Visions-Upgrade, weil ich gelernt habe: Eine Lebensvision verkrampft und verzweifelt herbeizwingen funktioniert nicht, die bietet sich einem irgendwann von selbst an. Wenn ich zurückschaue – von der kalten Leere im September 2010 bis heute – dann ist für mich am Ende eigentlich das Wichtigste: Jeder Mensch hat Herausforderungen, das hört nie ganz auf. Aber wie ich ihnen begegne, das darf ich mir aussuchen. Und genau das versuche ich weiterzugeben.